|
Begegnungen mit dem Wunderbaren Skizzen
1. Notre Dame de Paris (1922)
Quelle : P. D. Ouspensky : Ein neues Modell des Universums, Otto Wilhelm Barth, 1970
Viele seltsame Gedanken wurden immer in mir wachgerufen, wenn ich von der Höhe der Türme von Notre-Dame blickte. Wieviele Jahrhunderte sind unter diesen Türmen vorübergegangen, wieviele Wandlungen und wie wenige Wandlungen!
Eine kleine mittelalterliche Stadt, von Feldern, Weingärten und Wäldern umgeben. Ein wachsendes Paris, welches mehrere Male über seine Mauern hinauswächst. Das Paris der letzten Jahrhunderte, "das sein Gesicht alle 50 Jahre wandelt", wie Viktor Hugo sagte. Und die Menschen, das Volk . . . für alle Zeiten gehen sie irgendwo hin, an diesen Türmen vorbei, für alle Zeiten eilt es irgendwo hin, und für alle Zeiten bleibt es dort, wo es immer war, es sieht nichts, es bemerkt nichts, immer das gleiche Volk. Und die Türme, immer die gleichen, mit den gleichen Gargoilen, die auf diese Stadt hinunterschauen, welche für alle Zeiten sich verändert, für alle Zeiten verschwindet und doch immer die gleiche bleibt.
Hier kann man zwei Linien im Leben der Menschheit genau sehen. Eine ist die Lebenslinie dieser Menschen, dieses Volkes da unten; und die andere, die Lebenslinie jener, die Notre-Dame bauten. Und wenn man von diesen Türmen hinunterschaut, fühlt man, daß die wirkliche Geschichte der Menschheit, die Geschichte, von der es wert ist, zu sprechen, die Geschichte der Menschen ist, die Notre-Dame bauten und nicht die von jenen, da unten. Und man versteht, daß dieses zwei völlig verschiedene Geschichten sind.
Eine Geschichte geht vorbei und wird voll und ganz sichtbar und genau gesagt, ist es die Geschichte des Verbrechens, denn wenn es keine Verbrechen gäbe, würde es auch keine Geschichte geben. Alle wichtigsten Wendepunkte und Schauplätze dieser Geschichte sind von Verbrechen gekennzeichnet: Morde, Gewaltakte, Raubüberfälle, Kriege, Aufruhr, Massaker, Folterungen, Hinrichtungen. Väter, die Kinder morden, Kinder die Väter morden, Brüder, die einander morden, Gatten, die ihre Frauen ermorden, Gattinnen, die ihre Männer ermorden, Könige, die ihre Untertanen massakrieren, Untertanen, die ihre Könige ermorden.
Dies ist die eine Geschichte, die Geschichte, die jeder kennt, die Geschichte, wie sie in den Schulen gelehrt wird.
Die andere Geschichte ist die Geschichte, die den wenigen bekannt ist. Von der Mehrheit wird sie überhaupt nicht gesehen, hinter der Geschichte des Verbrechens. Aber was von dieser verborgenen Geschichte geschaffen wird, existiert lange Zeit nachher, manchmal mehrere Jahrhunderte hindurch, wie Notre-Dame. Die sichtbare Geschichte, die Geschichte, die auf der Oberfläche abläuft, die Geschichte des Verbrechens schreibt sich zu, was die verborgene Geschichte geschaffen hat. Aber in Wirklichkeit wird die sichtbare Geschichte immer durch das getäuscht, was die verborgene Geschichte geschaffen hat.
Soviel ist über die Kathedrale von Notre-Dame geschrieben worden, und so wenig ist wirklich über sie bekannt. Jemand, der niemals versucht hat, selbst etwas über sie herauszufinden, oder etwas aus dem verfügbaren Material auszuarbeiten, würde niemals glauben, wie wenig tatsächlich über den Bau der Kathedrale bekannt ist. Viele Jahre waren nötig, sie zu erbauen; die Daten, wann sie begonnen und wann sie beendet wurde, sind bekannt; die Bischöfe, die auf die eine oder die andere Weise zu diesem Bau beigetragen haben, sind auch bekannt und ebenso die Päpste und Könige dieser Zeit. Aber nichts ist geblieben, was sich auf die Erbauer selbst bezieht, mit Ausnahme der Namen, und sogar das nur selten. Und keine Tatsachen sind geblieben über die Schulen, welche hinter alldem standen, was diese seltsame Periode hindurch geschaffen wurde, die um das Jahr tausend beginnt und fast vier Jahrhunderte andauerte.
["In den vielbändigen Aufzeichnungen der Kirche von Notre-Dame, welche über das 12. Jahrhundert hinaus zurückgehen, gibt es kein einziges Wort über die eigentliche Arbeit des Erbauens der Kathedrale. Nach den Chroniken der Zeit vor der Gotik, waren die Klosterbibliotheken voll von Beschreibungen über den Bau ihrer Gebäude und voll von Biographien und Lobpreisungen ihrer Erbauer. Aber mit dem Aufkommen der gotischen Periode wurde alles plötzlich still. Bis zum 12. Jahrhundert gibt es keinerlei Erwähnung eines Architekten.“ Aus einem Buch von Viollet-le-Duc]
Es ist bekannt, daß es Bau-Schulen gab. Natürlich mußte es sie geben, denn jeder Meister arbeitete und lebte gewöhnlich mit seinen Schülern. Auf diese Weise arbeiteten die Maler, auf die gleiche Art arbeiteten die Bildhauer. Auf diese Weise arbeiteten natürlich die Architekten. Aber hinter diesen individuellen Schulen standen andere Einrichtungen eines sehr komplizierten Ursprunges. Und diese waren nicht reine Architektenschulen oder Schulen für Maurer. Das Erbauen der Kathedralen war ein Teil eines kolossalen und klug ausgedachten Plans, welcher die Existenz von vollständig freien philosophischen und psychologischen Schulen erlaubte, im groben, absurden, grausamen, abergläubigen, fanatischen und scholastischen Mittelalter. Diese Schulen haben uns eine unermeßliche Erbschaft hinterlassen, von der wir nahezu alles schon zerstört haben, ohne ihre Bedeutung und ihren Wert zu verstehen.
 |
Diese Schulen, welche die "Gotischen" Kathedralen erbauten, verbargen sich so gut, daß Spuren von ihnen jetzt nur von denen gefunden werden können, die schon wissen, daß solche Schulen existiert haben müssen. Die katholische Kirche des 11. und 12. Jahrhunderts, welche schon die Folterung und den Scheiterhaufen für Ketzer gebrauchte und jedes freie Denken erstickte, erbaute gewiß nicht Notre-Dame. Es kann nicht den leisesten Zweifel geben, daß eine zeitlang die Kirche zu einem Instrument der Erhaltung und der Verbreitung der Ideen des wahren Christentums gemacht wurde, d. h., der wahren Religion oder des wahren Wissens, welche vollkommen fremd für sie war.
Und es ist nichts Unwahrscheinliches in der Tatsache, daß der gesamte Plan Kathedralen zu bauen und Schulen unter dem Deckmantel dieser Bautätigkeit zu organisieren, geschaffen wurde, wegen der wachsenden "Ketzermanie" in der katholischen Kirche und weil die Kirche rasch jene Qualitäten verlor, welche sie zu einem Obdach für wahres Wissen gemacht hatte.
Am Ende der ersten tausend Jahre der christlichen Ära hatten die Klöster die gesamte Wissenschaft, alles Wissen jener Zeit gesammelt. Aber die Legalisierung der Jagd nach den Ketzern und ihre Verfolgung, und das Herannahen der Inquisition, machten es dem Wissen unmöglich, in den Klöstern zu verbleiben.
Es wurde dann für dieses Wissen eine neue und geeignete Zuflucht gefunden, oder um es genauer zu sagen, geschaffen. Das Wissen verließ die Klöster und ging in die Bau-Schulen, in die Maurer-Schulen über. Der Stil, der später "Gotisch" genannt wurde und damals als der "neue" oder "moderne" bekannt war, dessen charakteristisches Merkmal der Spitzbogen war, wurde als Kennzeichen dieser Schulen angenommen. Die Schulen stellten im Innern eine komplizierte Organisation dar und waren in verschiedene Stufen eingeteilt; dies bedeutet, daß es in jeder "Maurer-Schule", wo alle für Architekten notwendigen Wissenschaften gelehrt wurden, innere Schulen gab, in welchen die wahre Bedeutung der religiösen Allegorien und Symbole erklärt wurde und in welchen die "esoterische Philosophie" oder die Wissenschaft der Beziehungen zwischen Gott, dem Menschen und dem Universum studiert wurde. Das will heißen, die echte "Magie", für einen bloßen Gedanken an die, die Menschen auf die Folterbank gespannt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Die Schulen dauerten bis zur Renaissance, als die Existenz eines "weltlichen Wissens" möglich wurde. Die neue Wissenschaft vergaß, mitgerissen durch die Neuheit des freien Denkens und der freien Forschung, sehr bald ihren Ursprung, und vergaß auch die Rolle der "Gotischen" Kathedralen für die Bewahrung und aufeinanderfolgende Überlieferung des Wissens.
Aber Notre-Dame ist geblieben, bewahrt und zeigt uns bis heute die Ideen der Schulen und die Ideen der wahren "Freimaurer".
Es ist bekannt, daß Notre-Dame zumindest in ihrem Äußeren, gegenwärtig dem näher ist, was sie ursprünglich war, als während der letzten drei Jahrhunderte. Nach einer unzählbaren Anzahl von frommen Umänderungen, ohne jegliche Kenntnis, nach dem Sturm der Revolution, welcher das zerstörte, was diese Umänderungen überlebt hatte, wurde Notre-Dame in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einem Mann restauriert, der ein tiefes Verständnis ihrer Idee hatte. Jedoch was von dem wirklich alten verblieb und was neu ist, ist schwierig zu sagen, nicht aus Mangel an historischen Aufzeichnungen, sondern weil das "Neue" tatsächlich oft das "Alte" ist.
Derart ist z. B. die lange, schlanke, durchgestoßene Turmspitze über dem östlichen Teil der Kathedrale, von welcher die zwölf Apostel, denen die apokalyptischen Tiere vorangehen, zu den vier Richtungen und Enden der Welt herniedersteigen. Die alte Turmspitze wurde 1787 abgerissen. Was wir jetzt sehen, ist ein Bau des 19. Jahrhunderts und das Werk von Viollet-le-Duc, des Restaurators der Kathedrale im zweiten Empire.
Aber nicht einmal Viollet-le-Duc konnte die Aussicht von den großen Türmen über die Stadt mitsamt der Turmspitze und den Aposteln schaffen: er konnte nicht die ganze szenische Wirkung schaffen, die zweifellos ein Teil der Absicht der Erbauer war. Die Turmspitze mit den Aposteln ist ein untrennbarer Teil dieser Ansicht. Man steht auf der Spitze eines dieser großen Türme und schaut gegen Osten. Die Altstadt, die Häuser, der Fluß, die Brücken, die winzigen, mikroskopischen Menschen . . . Und nicht ein einziger dieser Menschen sieht die Turmspitze oder sieht die "Lehrer" auf die Erde hinabsteigen, ihnen voraus die apokalyptischen Tiere. Dies ist ganz natürlich, weil von dort, von der Erde es schwierig ist, sie wahrzunehmen. Wenn man dort geht, zum Ufer der Seine, zur Brücke, werden die Apostel von dort fast so klein erscheinen, wie die Menschen von hier erscheinen, und sie werden mit den Einzelheiten des Daches der Kathedrale verschmelzen. Man kann sie nur sehen, wenn man von ihrer Existenz weiß, wie so viele andere Dinge in der Welt. Aber wer kümmert sich darum, zu wissen?
Und die Gargoilen? Entweder werden sie einfach als ein Ornament betrachtet oder als persönliche Gestaltungen verschiedener Künstler zu verschiedenen Zeiten. In Wirklichkeit jedoch sind sie eines der wichtigsten Merkmale des Planes des ganzen Gebäudes.
Dieser Plan ist sehr kompliziert. Um genauer zu sein, ist es nicht nur ein Plan, sondern es sind mehrere, die einer den anderen vervollständigen. Die Erbauer wollten ihr gesamtes Wissen, alle ihre Ideen in Notre-Dame hineinlegen. Man findet da Mathematik, Astronomie; einige sehr seltsame Ideen über Biologie oder "Evolution" in den steinernen Büschen, auf welchen menschliche Köpfe wachsen, auf der Ballustrade der großen Plattform unter den überhängenden Stützpfeilern.
Die Gargoilen und andere Gestalten von Notre-Dame übermitteln uns die psychologischen Ideen ihrer Erbauer, vor allem die Idee von der Kompliziertheit der Seele. Diese Figuren sind die Seele von Notre-Dame, ihre verschiedenen "Ichs": nachdenkliche, melancholische, beobachtende, spöttische, bösartige, in sich selbst vertiefte, etwas verschlingende, intensiv in eine uns unsichtbare Ferne schauende, wie die seltsame Frau mit dem Kopfschmuck einer Nonne es tut, die man über den Kapitellen der Säulen eines kleinen Türmchens hoch oben auf der Südseite der Kathedrale sehen kann.
Die Gargoilen und all die anderen Gestalten von Notre-Dame besitzen eine sehr seltsame Eigenschaft: neben ihnen können die Menschen nicht gezeichnet, gemalt oder fotografiert werden; neben ihnen erscheinen die Menschen als tote, ausdruckslose Steinbilder.
Es ist schwierig, diese "Ichs" von Notre-Dame zu erklären; sie müssen gefühlt werden und sie können gefühlt werden. Aber es ist notwendig, die Zeit auszuwählen, wenn Paris ruhig wird. Dies ist der Fall vor Tagesanbruch, wenn es noch nicht ganz hell ist, aber wenn es schon möglich ist, einige von diesen seltsamen Wesen zu unterscheiden, die da oben schlafen.
Ich erinnere mich an eine solche Nacht; es war vor dem Krieg. Ich machte einen kurzen Aufenthalt in Paris auf meinem Weg nach Indien und wanderte zum letzten Mal durch die Stadt. Es fing schon an, hell zu werden, und die Luft wurde kalt. Der Mond bewegte sich eilig zwischen den Wolken. Ich schritt langsam um die Kathedrale herum. Die gewaltigen massiven Türme standen da wie in Alarmbereitschaft. Aber ich verstand schon ihr Geheimnis. Und ich wußte, daß ich eine feste Überzeugung mit mir nahm, die nichts zerrütteln konnte, daß dies existiert, d. h., daß es eine andere Geschichte gibt, gesondert von der Geschichte des Verbrechens, und daß es ein anderes Denken gibt, das Notre-Dame und ihre Gestalten schuf. Ich war im Begriff, nach an deren Spuren dieses Denkens zu suchen und ich war sicher, sie zu finden.
* * * * *
Acht Jahre gingen vorüber, bevor ich Notre-Dame wiedersah. Dies waren die Jahre von fast beispielloser Erschütterung und Zerstörung. [Das war die Zeit des ersten Weltkriegs.] Und es schien mir, daß sich etwas an Notre-Dame gewandelt hatte, als ob sie begann, ein Vorgefühl ihres nahenden Endes zu haben. Während dieser Jahre, welche so brillante Seiten in die Geschichte des Verbrechens geschrieben haben, fielen Bomben über Notre-Dame, Geschosse explodierten, und nur durch Zufall teilte Notre-Dame nicht das Schicksal mit dem wunderbaren Märchen des 12. Jahrhunderts, der Kathedrale von Reims, welche als Opfer des Fortschritts und der Zivilisation unterging.
Und als ich auf den Turm hinaufstieg und wieder die herabsteigenden Apostel sah, war ich tief betroffen von der Vergeblichkeit und fast völligen Nutzlosigkeit der Bemühungen, die Menschen etwas zu lehren, das zu wissen sie keinerlei Begehren haben.
Und wieder, wie so oft zuvor, konnte ich nur ein Gegenargument finden, nämlich, daß vielleicht das Ziel der Lehre der Apostel, wie auch des Baus von Notre-Dame nicht war, alle Menschen zu lehren, sondern nur, gewisse Ideen an wenige Menschen durch den "Raum der Zeit" hindurch zu übermitteln. Die moderne Wissenschaft erobert den Raum in den Grenzen der Oberfläche der kleinen Erde. Die esoterische Wissenschaft hat die Zeit erobert, und sie kennt Methoden, ihre Ideen unversehrt zu übermitteln und Verbindungen zwischen Schulen durch Hunderte und Tausende von Jahren herzustellen.
Quelle: http://www.asamnet.de/~muennicg/reli/christ18.htm
|